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Der weise Vater

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Herausgegeben von in Märchen ·
Ein russisches (tatarisches) Märchen
Vor langer Zeit soll ein Padischah gelebt haben, der sehr grausam war, namentlich alte Menschen waren ihm verhasst. So befahl er, jeden zu töten, der siebzig Jahre alt geworden war.
»Alte Menschen sind sowieso unnütz«, sprach der Padischah erbarmungslos.
In der Hauptstadt des Padischahs lebte damals ein Jüngling, dessen Vater siebzig Jahre zählte. Der Jüngling liebte seinen Vater und verbarg ihn, damit die Schergen ihn nicht ergriffen und umbrachten. Er achtete darauf, dass kein Mensch den alten Mann zu Augen bekam. Allabendlich suchte der Jüngling seinen alten Vater auf und erzählte ihm, was sich tagsüber ereignet, was er gesehen und gehört hatte.
Einmal besuchte der Jüngling seinen Vater, und der fragte ihn:
»Was gibt es Neues auf der Welt, mein Junge?«
»Heute Nachmittag«, begann der Jüngling, »begab sich der Padischah mit seinen Wesiren ans Flussufer und sah auf dem Grund des Flusses einen Edelstein schimmern. Er befahl, ihn heraufzuholen. Sogleich sprangen mehrere Taucher ins Wasser, fanden jedoch keinen Stein, als sie aber wieder emporkamen, erblickten sie den Edelstein, der nach wie vor auf dem Flussgrund funkelte. Weder der Padischah noch seine Wesire wissen, wo der Stein liegt.«
»Sag, Söhnchen, steht vielleicht ein Baum am Ufer?« fragte der Alte.
»Jawohl. Seine Zweige neigen sich gerade an der Stelle über das Wasser, wo der Padischah den Edelstein zu sehen glaubt«, antwortete der Jüngling.
»Nisten vielleicht Vögel auf diesem Baum?« wollte der Alte nun wissen.
»Ja.«
»Dann höre, was ich dir zu sagen habe. Der Edelstein liegt nicht auf dem Flussgrund, sondern im Nest dieser Vögel, und nur sein Abglanz funkelt im Wasser«, erklärte er Alte bestimmt.
Am nächsten Morgen versammelte der Padischah seine Wesire wieder am Flussufer und sah erneut den Edelstein aus dem Wasser hervorleuchten. Wieder ließ er nach dem Stein suchen - und wieder ergebnislos. Die Wesire standen herum und wussten nicht, was sie von der Sache halten sollten. Da trat der Jüngling zum Padischah, verneigte sich und sprach:
»O großmächtiger Padischah, gestatte mir, das Wort an dich zu richten. Den Edelstein braucht ihr nicht im Wasser zu suchen. Siehst du den Baum? Auf diesem Baum ist ein Nest, und im Nest liegt der Stein. Dort musst du suchen lassen.«
Der Padischah brauchte bloß die eine Braue zu heben, schon stürzten die Wesire zum Baum und brachten sogleich einen Edelstein von der Größe eines Gänseeis herbei. Der Padischah war verblüfft.
»Ihr geltet als gelehrte Männer und seid doch dümmer als dieser Jüngling«, rügte er seine Wesire.
Den Jüngling fragte er:
»Woher weißt du das? Hat dir das jemand erzählt?« »Nein, ich habe es selbst erraten«, antwortete der Jüngling.
Fortan nährten die Wesire Groll gegen den Jüngling. Und das war nur zu verständlich hatte er sie doch vor dem Padischah mit Schande bedeckt. Darum trachteten sie dem Jüngling nach dem Leben. Sie kamen zum Padischah und sagten:
»Dieser Prahler rühmt sich, er könne alles auf der Welt raten. Gestatte, o Padischah, dass wir ihm zwei Hengste zeigen, die beide gleich aussehen. Soll er erraten, ohne sich ihnen zu nähern, welcher der beiden Hengste jung und welcher alt ist.«
»Es sei«, willigte der Padischah ein.
Er ließ den Jüngling zu sich kommen und sprach:
»Stell dich morgen ein, wir zeigen dir zwei Hengste, und du sollst erraten, welcher jung und welcher alt ist.«
Der Jüngling verneigte sich und kehrte betrübt heim. Zu Hause angelangt, ging er zum Vater und setzte sich wortlos zu dessen Füßen.
»Worüber grübelst du, mein Sohn?« fragte der Alte.
»Vater, du hattest recht mit dem Edelstein, er befand sich tatsächlich im Vogelnest! Aber nun hat der der Padischah eine neue Aufgabe gestellt.«
Der Jüngling erzählte von der Prüfung, die ihm am nächsten Tag bevorstand.
»Gräme dich nicht, mein Sohn! Diese Aufgabe ist leicht gelöst«, tröstete ihn der Alte. »Wenn du beim Padischah bist und die Hengste herbeigeführt werden, sieh dir ihre Gangart genau an: Der junge Hengst wird bei jedem Schritt stampfen und tänzeln, der alte dagegen bloß den Kopf schütteln und hinter dem jungen hertraben.«
Am nächsten Morgen fand sich der Jüngling im Palasthof ein. Nach einer Weile kam auch der Padischah mit seinen Wesiren. Der Padischah. hob die Hand, sogleich wurden zwei Hengste herbeigeführt, die sich glichen wie ein Ei dem anderen. Der eine stampfte und tänzelte, der andere lief in ruhigem Schritt und schüttelte bloß die Mähne.
»Dieser Hengst ist jung und der da alt«, erklärte der Jüngling bestimmt.
Kaum hatte er diese Aufgabe gelöst, als die Wesire ihm eine neue stellten. Sie ließen zwei gleiche Holzblöcke abhobeln, und der Jüngling sollte erraten, welcher vom oberen und welcher vom unteren Teil des Baumstammes abgesägt sei.
Niedergeschlagen kehrte der Jüngling heim und erzählte dem Vater von der neuen Aufgabe.
»Sei nicht traurig, mein Sohn«, sprach ihm der Vater Mut zu, »es ist nicht schwer, die Aufgabe zu lösen. Lass beide Klötze ins Wasser legen, und sieh genau hin: Der Klotz vom oberen Stammteil schwimmt ganz auf, der vom Baumschaft dagegen bleibt zur Hälfte unter Wasser.«
Am nächsten Morgen ging der Jüngling zum vereinbarten Platz, wo bereits zwei gleiche Holzklötze lagen. Der Padischah sagte dem Jüngling:
»Da siehst du zwei Klötze, und nun sollst du bestimmen, ohne sie zu berühren, welcher aus dem oberen und welcher aus dem unteren Teil des Baumes herausgesagt ist.«
»Werft beide Klötze ins Wasser«, verlangte der Jüngling. Das wurde getan. Sogleich schwamm der eine auf, während der andere zur Hälfte unter Wasser blieb.
»Der ist vom oberen und der ist vom unteren Teil des Baums«, erklärte der Jüngling entschieden.
Da verwunderte sich der Padischah und fragte:
»Wer hat dir das beigebracht?«
»Das habe ich selbst erraten«, antwortete der Jüngling.
»Du bist viel zu jung und unerfahren, um alles zu wissen«, entgegnete der Padischah. »Sprich die Wahrheit, wer hat dir das beigebracht? Wenn du es nicht sagst, lasse ich dich hinrichten!«
Was immer kommt, ich bekenne die Wahrheit, beschloss er Jüngling und gestand:
»Mein Vater hat mir das beigebracht. Er ist siebzig Jahre alt geworden, und ich verberge ihn, um ihm das Leben zu erhalten.«
»Das heißt, dass auch alte Menschen nützlich und zu gebrauchen sind«, sprach der Padischah und hob seinen grausamen Befehl auf.
[Das Buch aus reinem Silber – Eine russische Märchenreise vom Amur bis zur Wolga,
Hrsg. Prof. Viktor Gazak, Bastei Lübbe 11359]


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